Du wirst es aber doch nicht ausleben?!

„Wirst du wirklich in einer homosexuellen Beziehung leben?“
Nach dieser Frage folgte meistens ein entsetztes, lauerndes oder trauriges Gesicht. Je nachdem, wie das theologische Fundament meiner Gesprächspartnerin/Gesprächspartner aufgebaut war.

Und an dieser Stelle teilt sich meine „geschätzte Leserschaft“ (Zitat; Bridgerton), in drei Gruppen.
Die erste Gruppe versteht die Frage gar nicht. Ist auch ganz gut so. Diese Frage ist so ein „Konservativ-Christen-Ding“.
Die zweite Gruppe interessiert sich aufrichtig für meine Beweggründe und meine Überzeugung, dass es absolut möglich ist, als Christ eine gesunde, homosexuelle Beziehung zu leben und weiter an seinem Glauben festzuhalten.
Und die dritte Gruppe besteht aus allen Lesern, die diese Seite nur nutzen um wieder ein neues Gesprächsthema am Kaffeetisch nach dem Gottesdienst zu haben und sich entsetzt über die „Sünden“ anderer Menschen aufzuregen. (Gern geschehen. Scrollt unbedingt bis ans Ende, das fördert zumindest die Sichtbarkeit der Seite).

Lasst es mich einmal direkt sagen: Ob und wann ich offen für eine Beziehung bin, geht tatsächlich nur mich selbst und meinen zukünftigen Partner etwas an.

Warum werfe ich das Thema denn dann in den Ring?

Lasst mich einen Erklärungsversuch starten, der alle drei Lesergruppen abholt.

Seit meinem Outing sind einige Monate vergangen und ich hatte die Möglichkeit einige tolle Menschen kennen zu lernen. Einige von ihnen waren geoutet, andere nicht. Viele sind gar nicht selbst betroffen und hatten mit dem Thema noch gar keine Berührungspunkte. Die Fragen, die ich mir selbst und auch alle Fragen, die mir immer wieder gestellt wurden, zeigen mir, dass es bei den ganzen Grundsatzdiskussionen immer wieder Lücken gibt: Die große Lücke der individuellen Schicksale.

Da ist Hanno*, der seine Sexualität verstecken muss, weil er Angst davor hat von seinen Eltern und der Kirche verstoßen zu werden.

Hannes* lebt offen mit seinem Mann und ihrem adoptierten Kind zusammen und kann seine Überzeugungen ohne Befürchtungen äußern.

Da ist Hans*, der es aufgegeben hat davon zu träumen, einmal eine liebevolle Partnerschaft leben zu können. Zu sehr sind die Gedanken negativ aufgeladen, er fühlt sich beziehungsunfähig, zweifelt an dem Grundkonzept von Liebe. Wie kann auch jemand, dem die Familie und die Kirche die Liebe und das Recht auf eine eigene Sexualität abspricht, lernen, jemanden an sein Herz heranzulassen?

Da ist der Pastor, der sich fragt, ob er noch die Gemeinde leiten kann, wenn er aufgrund des Lehrverständnisses seiner Konfession Menschen von der Mitarbeit im Gottesdienst ausschließen muss. Der in der Seelsorge keine Antworten mehr findet und an die Grenzen der fundamentalen Lehrauslegung stößt.

Ja, diese Menschen gibt es. Und den meisten sieht man ihre inneren Kämpfe nicht an.

Die Diskussion hat sich innerhalb der Kirche in den letzten Jahren sehr verschärft. Mir kommt es so vor, als ob die Frage nach der Befürwortung oder Ablehnung der Homosexualität die entscheidende Frage danach ist, ob du ein Christ bist oder nicht.

Das wäre ja gar nicht tragisch, WENN….
… wenn nicht für viele Menschen aus traditionellen und evangelikalen Kirchen die Mitgliedschaft in ihrer Kirche gleichbedeutend ist mit ihrem gesamten sozialen Umfeld!
…wenn die Frage nach dem Bibelverständnis für viele auch gleichbedeutend mit der gesamten Lebensführung UND auch nach der Frage, nach einem Leben nach dem Tod wäre!

Diese Erfahrung musste ich auch machen. Meine Familie, Freunde und Bekanntschaften lagen zu 90% innerhalb des sozialen Rahmens der Kirche, in der ich aufgewachsen bin. Innerhalb diesen Kreises liegt die Toleranz für Homosexualität auch heute noch bei Null. Jegliche Sexualität die über ein sehr enges Verständnis von Heterosexualität innerhalb der Ehe hinausgeht, wird biblisch interpretiert abgelehnt.

Das bedeutet für Christen, in diesen Kirchen, die sich outen, in der Folge zwei Möglichkeiten:

1. Ein Outing und ein „Eingeständnis der Sündhaftigkeit“. Damit verbunden beginnt ein äußerer Kampf gegen das, was als Sünde definiert wird. Warum sage ich äußerer? Weil der innere Kampf bei diesen Menschen meistens schon seit Jahren tobt, ohne, dass es jemand mitbekommen hat. Dieser „Kampf“ sieht in der Regel viele Seelsorgegespräche, „Befreiungsgebete“ und unter Umständen auch eine Konversionstherapie vor. Je nach Bibelauslegung wird dann auch noch unterschieden, ob „nur“ die Neigung vorliegt oder ein aktiver, homosexueller Lebensstil geführt wird. Mittlerweile gestehen einige christliche Kreise zumindest den neusten Stand der Wissenschaft ein und akzeptieren, dass die sexuelle Orientierung nicht „ausgesucht“ werden kann. Die Schlussfolgerung ist in diesem Denken dann auch relativ leicht: Enthaltsamkeit.

2. Der zweite Weg ist das direkte Verlassen der christlichen Gemeinschaft um des Selbstschutzes willen. Damit verbunden dann auch oft der Verlust eines Teils der Familie und des sozialen Netzwerkes. Für viele ist das verbunden mit einer Ablehnung eines christlichen Gottes aufgrund der persönlichen Erfahrungen.

Und wieder muss ich einen Schnitt ziehen. Ich möchte hier nicht auf die theologischen und sozialen Gründe eingehen, die den biblischen Auslegungen zu Grunde liegen! Das werde ich noch ausführlich in einem anderen Beitrag machen.

Fakt ist, dass Millionen Menschen weltweit unter diesem Druck leiden! Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie zerstörerisch Bewegungen, wie die „Ex-Gay“ in den USA und andere Verwandte Bewegungen sind, kann dies gerne nachlesen. Ich verlinke unten einige interessante Bücher dazu.

Fakt ist auch, dass eine nicht zu beziffernde Anzahl an Männern und Frauen mit homosexueller,- & oder bisexueller Orientierung in solchen starren Gedankengebäuden gefangen sind und jeden Tag darunter leiden.

Und genau diese Menschen sind der Grund dafür, dass ich diese Frage öffentlich aufwerfe: Kann man als Christ ein Leben in einer homosexuellen Beziehung führen? Was würde passieren, wenn wir das Dogma der Ehe nicht als Dogma begreifen, weil es auch nie so gemeint war?

Die Erkenntnis, dass die sexuelle Orientierung gar keine Rolle für Gott spielt und er jeden Menschen durch Jesus einfach annimmt, liebt und zur Liebe freisetzt, ist echte Freiheit. Und genau diese Erkenntnis führt mich auch zu dem Schritt zu sagen: Ja, ich glaube daran, dass auch eine homosexuelle Beziehung in Treue füreinander gelebt werden kann und unter dem Segen Gottes steht.

Ob ich so eine Beziehung führen werde? Hängt sicherlich von vielen weiteren Faktoren ab und werde ich, wie bereits gesagt, hier nicht beantworten.
Und doch trage ich seit vielen Jahren die starke Hoffnung auf eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe in mir, die auch meiner natürlichen sexuellen Orientierung entspricht.

An einem Punkt in meinem Outing habe ich mir die Frage gestellt: Was hätte es damals, als ich 21 Jahre alt war und mich aufgrund meines inneren theologischen Verständnisses nicht getraut habe mich zu outen, gebraucht, um zumindest anzufangen die Hoffnung auf eine positive Zukunft zu entwickeln?

Die Antwort ist so einfach: Genau diese Aussage! Du bist zur Partnerschaft berufen. Partnerschaft mit Gott und den Menschen. Und ist es nicht großartig, dass die Kirche Begleiter und Unterstützer von beidem sein darf?

Auch immer mehr evangelikale Kirchen in Deutschland erkennen ihren Auftrag. Diese Entwicklung macht auf jeden Fall Hoffnung.

Kirche, die Menschen wie Hanno*, Hannes oder Hans* willkommen heißt und als Teil der Familie Gottes willkommen heißt. Eine Familie, die ihre Kinder annimmt, Sinn stiftet und es als Aufgabe ansieht den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Wo Menschen Heilung erleben können, Wiederherstellung ihrer Würde, echte Freude entdecken können, Liebe erleben und einfache, echte Annahme.

Vielleicht wagst du mit mir zu träumen, von so einem Ort?

Es bleibt noch viel zu sagen!
Dafür wird es noch die richtige Zeit und den richtigen Ort geben.

Wie geht es dir?
Hast du noch Fragen an mich? Oder bist selber betroffen und suchst nach Antworten?

Du darfst mir gerne jederzeit schreiben! Ich freue mich darauf, dich kennen zu lernen und das Netzwerk wachsen zu lassen.

Bis bald 🙂
Thomas

*Alle Personen sind anonymisiert!

Literaturvorschläge:
Das sind keine Afiliate-Links! Von einem Kauf habe ich persönlich nichts 🙂

Ein Vorschlag für ein Buch aus dem Umfeld der „Ex-Gay“ Bewegung:
Echt Schwul – Echt Christ von Jeremy Marks: Mein Ringen um Wahrheit – Die geistliche Reise eines Mannes, um die Wahrheit über Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften herauszufinden. https://www.amazon.de/gp/product/B01MEGQHBW/ref=ppx_yo_dt_b_search_asin_title?ie=UTF8&psc=1

Einige Gedanken zu dem Thema Homosexualität und Beziehungen:
Scripture, Ethics, and the Possibility of Same-Sex Relationships (English Edition) https://www.amazon.de/gp/product/B08MJZQ7JN/ref=ppx_yo_dt_b_search_asin_title?ie=UTF8&psc=1

Gnade ist immer trotzdem: Als Christin homosexuell? Eine Suche nach Antwort
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Eine spannende theologische Einordnung von Homosexualität:
Homosexualität: Auf dem Weg in eine neue christliche Ethik?
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