Endlich wieder normal. oder?

In einer Welt, in der alle Regeln fest vorgegeben sind. Die Sicherheit verspricht, durch das Befolgen dieser Regeln. Wo das Ziel und auch der Weg absolut sind. In dieser Welt bin ich aufgewachsen.

Und es war schön.

Es war schön dort auf dem Dorf aufzuwachsen. Innerhalb einer sicheren Familienstruktur, eingebettet in eine Kirchengemeinde, die den Glauben an Gott sehr ernst nahm.

Bis zu dem Tag, an dem ich merkte, dass ich anders bin.

Anders als die Jungs in meiner Klasse.

Anders als meine Freunde mit ihren Hobbys und Gesprächsthemen. Autos? Fußball? Ich konnte nur darüber lachen.

Anders als die Christen in meiner Kirche. Ich war mitten drin. Absolut integriert. Aktiv in jeder Hinsicht. Aber ich wusste plötzlich: Ich bin anders.

Frag mich nicht, ob ich so geboren wurde, oder ob ich dieses „anders“ erst in der Pubertät an mir bemerkt habe. Auf jeden Fall wusste ich an einem Tag plötzlich: „Ich bin nicht anders, ich bin einfach nur schwul“ – nichts mehr und nichts weniger.

Und doch hat sich ab diesem Tag meine gesamte Welt verändert.

Ich war ca. 14 Jahre alt. Noch nie in meinem Leben hatte ich den Begriff „Homosexualität“ gehört. Ich wusste nicht einmal, dass es möglich ist, dass zwei Männer sich lieben können.
Und doch spürte ich in mir diese Anziehung. Dieses Gefühl, von dem meine Freunde sprachen, wenn sie über Mädchen redeten. Nur dass ich von Jungs träumte.

In der Sportumkleide schämte ich mich. Nicht weil ich schmächtig war oder schlecht aussah! Ich schämte mich einfach, nackt zu sein vor den anderen Jungs. Weil ich merkte, dass da mehr ist. Dass mich etwas wie magisch anzieht. Eine völlig natürliche Anziehung.

Ich schämte mich morgens, wenn ich aufstand und meinen Oberkörper im Spiegel sah. Wie konnte ich nur so dreckig sein? So widerwärtig? So sündig?

Ich schämte mich, als ich merkte, dass ich eifersüchtig auf meinen besten Freund wurde, weil er begann Zeit mit seiner Freundin zu verbringen und nicht mit mir.

Ich schämte mich, als ich im Chor sang: „Gnade ist größer als die Schuld“. Meine Schuld konnte nicht mal die Gnade bedecken.

Ich schämte mich, als mich meine Mitschüler in der 11. Klasse fragten, ob ich schwul sei. „Nein- ich bin Christ“ – eine schwache Antwort, an die ich nicht einmal selber glaubte.

Ich schämte mich, wenn ich Nachts alleine in meinem Zimmer weinend auf dem Boden lag. Gebete voller Scham und Angst zum Himmel schickte. Mit dem Schrei um Hilfe.

Aus der Scham wurde Angst.

Die Angst: Irgendwann findet es jemand heraus, was du denkst. Mit keinem Wort oder einer Handlung habe ich jemals dem inneren Wunsch nachgegeben.

Aber was würde geschehen, wenn jemals alles über mich ans Tageslicht kommen würde?

Meine Familie würde mich verstoßen. Jeder Kontakt zu mir und meinen Eltern würde mir sehr wahrscheinlich verboten werden.

Die Freunde würden sich von mir abwenden.

Die Kirche, die mein ganzer Lebensmittelpunkt war, würde mich ausschließen und es würde offensichtlich werden, was ich in meinem inneren schon fühlte: Ich wäre allein!

Ganz allein mit einem „Problem“, dass außer mir niemand hatte.
Die Angst wuchs jeden Tag.

Jeden Morgen hatte ich 45 Minuten im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Mittlerweile war das Abitur geschafft und ich studierte im dualen Studiengang Pflege. Die Hälfte der Zeit arbeitete ich aktiv im Krankenhaus.

Und jeden Morgen im Auto hatte ich den gleichen Gedanken in mir: „Wann?“

An einigen Tagen konnte ich nicht einmal denken.

Nur noch verzweifelt das Lenkrad umklammern und den Tränen freien Lauf lassen.

In mir der stumme Schrei: „Wann? Wann ist dieses Leid vorbei? Wann ist der Druck weg?“

Wann bin ich normal?

Angekommen im Krankenhaus wischte ich mir die Tränen weg. Setze meine beste Miene auf. Spielte das Spiel weiter.

Ich beichtete. Versuchte durch religiöse Übungen an Freiheit zu kommen. Ich stellte mich meinen inneren Kämpfen.

Kämpfte gegen die inneren Stimmen, die mir zuriefen:
Du bist es nicht wert. Du schaffst es nicht. Gott kann dich nicht lieben.

Ich floh vor den Minderwertigkeitsgedanken in den Gottesdienst. Wollte strenger sein, als alle anderen. Es genauer nehmen als alle anderen. Vielleicht hätte Gott dann Gnade und macht mich normal?

Und dann saß ich da in der ersten Reihe und hörte dieselben Stimmen von der Kanzel, die ich schon nur zu gut von meinen nächtlichen Kämpfen kannte. Das war meine Welt. 5 Tage in der Woche in den Gottesdienst. Jeden Tag aktiv, immer auf der Bühne und an vorderster Front für Gott.

In diesem Welt ertrank ich. Wortwörtlich. Meine Hoffnungen auf eine Zukunft begrub ich. Und ich wollte ebenfalls zu Grabe getragen werden. Ein Selbstmordversuch blieb erfolglos.

Die Scham wurde noch größer. Nicht einmal das kann ich richtig machen.

Ich verließ die Kirche.
Brach aus dem vorgezeichneten Plan aus. Ich verließ die Sicherheit der Regeln. Setzte mich das erste Mal Kritik aus.

Und erlebte ein kleines Stück Freiheit.

Zumindest in meinem Geist spürte ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich schloss mich einer freieren Kirchengemeinde an. Dort erlebte ich Heilung. Begegnete Jesus Christus als dem Erlöser, der mich in meiner Schwachheit und meinem Versagen annimmt. Und der mich über alles liebt. Ich verlies die Kirche, aber nicht meinen Glauben.

Das gab mir Kraft weiter zu machen. In meiner Suche nach der „Normalität“. Diese bestand für mich damals ganz klar in einem heterosexuellen Lebensstil. Etwas anderes kam gar nicht in Frage für mich. Egal, was ich im Inneren spürte.

Ich nahm eine christliche Konversionstherapie in Anspruch. Ziel: Ich wollte heterosexuell empfinden und eine Frau sexuell und emotional anziehend finden und sie lieben können.

Nach 8 Monaten brach ich die Therapie ab. Mein persönlicher Befund: Ich bin geheilt. Endlich normal!

Was ich im Rückblick über diese Entscheidung sagen würde? Definitiv eine Fehleinschätzung. Mehr noch, eine gestörte Selbstwahrnehmung war die Folge, verbunden mit einem neuen Lügengebäude, auf dem ich glaubte eine tragfähige Beziehung aufbauen zu können. Mittlerweile war ich 23 Jahre alt. 9 Jahre dauerte diese „Reise“ bereits.

Und doch beschloss ich eine Beziehung zu einer jungen Frau einzugehen, die ich sehr mochte. War es Liebe? Ja, es war jede Liebe, die ich geben konnte.

Und ich legte alles von mir in diese Beziehung. Versuchte mit meinem ganzen Wesen da zu sein. Und war zugleich auch ehrlich. Ich erzählte ihr von meinen tiefsten Empfindungen. Ich erzählte ihr von meinem Kampf mit der Homosexualität. Und ich erzählte auch davon, dass ich überzeugt war, es geschafft zu haben. Jetzt normal zu sein. Jetzt für sie bereit zu sein. Jetzt Heterosexuell zu sein.

Sie machte sich keine Gedanken darum. Für meine damalige Freundin war das Thema damit durchgesprochen und sie dachte lange nicht mehr daran. Es war ja alles normal!

Dem war nicht so. Und das lernten wir beide schmerzhaft direkt nach der Hochzeit.
Ich werde an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. Der Umgang mit unserer Sexualität und wie wir einen Weg gefunden haben, ist ein Thema für sich.

Nach außen waren wir für viele die christliche Vorzeigefamilie. Mit zwei Kindern und einer sehr harmonischen Beziehung, in der beide Partner sich gegenseitig bereichern und unterstützen.

Und doch war ich nicht in der Lage meine Frau zu lieben, sie so wahrzunehmen, wie sie es als Frau verdient. Ich liebte sie. Und das tue ich auch heute noch. Als meine beste Freundin. Als Mutter meiner Kinder. Und als Mensch, der unendlich wertvoll für diese Welt ist. Sie hat so viel zu geben und ist eine Bereicherung für jeden, dem sie begegnet. Ich bin unendlich dankbar für die gemeinsame Zeit und ihren Mut, ihre Stärke und ihr Durchhaltevermögen.

Ich empfand keine sexuelle Anziehung. Jeder Kuss viel mir schwer. Romantische Gefühle waren für mich eine Seltenheit und nur empfindbar, wenn ich es mir ganz bewusst vornahm oder mir vorstellte, wie Romantik oder Begehren sich wohl anfühlen müsste.

Wenn ich Nachts träumte, dann immer nur von Männern. Solange ich mich in meine Jugendzeit zurückerinnern kann, hatte ich keinen Traum, in dem eine Frau vorkam.

Sie merkte es. Und litt unter der fehlenden Aufmerksamkeit. Der fehlenden Leidenschaft. Und wir lebten beide in diesem Mangel. Irgendwann war es soweit: Wir sprachen immer offener über unsere Themen. Über alles.

Ich gestand mir selber ein, dass ich schwul bin und bei Frauen einfach keinerlei sexuelle Anziehung verspüre. Und trotzdem entschieden wir uns als Ehepaar zusammen zu bleiben. Ich war nicht bereit mich zu outen! Ich wollte immer noch das normale Leben führen, das ich immer eingepredigt bekommen habe.

Dieser Prozess begann verstärkt in unserem dritten Ehejahr, nach der Geburt unserer zweiten Tochter. Wir lebten weiter unsere monogame Ehe, gaben nach außen die perfekte Familie und waren uns beiden doch bewusst, dass sich irgendwann etwas ändern würde.

Doch ich war noch nicht bereit dazu. Ich wollte nicht, dass die Menschen um mich herum von meiner Sexualität erfahren.

Dann sprach ich auch offen mit Gott darüber. Nicht in der Kirche.
Sondern ganz direkt, offen und frei aus der Seele heraus.

Wir lebten zu diesem Zeitpunkt für eine kurze Zeit in Südamerika und bereisten das Land. Wir genossen den Abstand zu allen Menschen, fühlten uns frei von der Last jedem etwas vorspielen zu müssen und konnten frei und offen miteinander reden, lachen, weinen, planen und
Und weißt du was?

Zum ersten Mal erlebte ich keine Ablehnung.

Ich erlebte eine unbegreifliche Annahme. Eine Geborgenheit, die ich in meinem Leben noch nie zuvor gespürt hatte. Ich erlebte Annahme durch meine Frau, die unglaublich verständnisvoll war, mir ihre Sorgen und Ängste mitteilte und mit der ich nun völlig offen über das sprechen konnte, was in mir vorging.

Und auch mein Glaube entwickelte sich neu. Nach einiger Zeit gesunder Distanz zur Kirche konnte ich den Glauben für mich völlig neu entdecken.

Je ehrlicher ich zu mir, zu meiner Frau und zu den Menschen um mich herum wurde, desto freier wurde ich. Desto geliebter wusste ich mich von Gott. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – diese Worte gingen mir jeden Tag durch den Kopf.

Ich wachte morgens auf und konnte völlig frei lächeln.

Meine Prioritäten änderten sich.

Plötzlich stand nicht mehr der Überlebenskampf im Vordergrund. Die Scham fiel ab, als ob sie nie dagewesen wäre. Die Lügen wurden entlarvt als machtlos.

Und ich konnte es endlich laut aussprechen: Ich bin geliebt von Gott, ein Vater für meine Kinder und empfinde homosexuell.

Meine innere Reise fand ihren Abschluss als wir aus Südamerika wieder zurück in Deutschland waren und eine Neue begann. 18 Jahre des Suchen und Findens fanden für mich ein Ende. Der nun beginnende Prozess des äußeren Outings wurde für mich zur Befreiung.

Denn, ich bin endlich genau so, wie ich sein darf.
Ich werde niemals einer Norm entsprechen. Ich werde immer Thomas sein.

Ich bin der, den Gott jeden Tag aus mir macht.
Angenommen in meinem ganzen Sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Und jetzt?
Wie es für mich jeden Tag weitergeht, erfährst du hier auf meinem Blog.

Ich lade dich ein:
Begleite mich auf dieser Reise.

Und wenn du möchtest, dann erzähl mir auch du deine Geschichte.
Denn eines habe ich auf meinem Weg gelernt: Du kannst dich dazu entscheiden nicht mehr alleine mit deinen Kämpfen zu sein. Ich freue mich darauf, von dir zu hören.